Als einzige mit der Zwangsvergabe von Brechmitteln befasste Institution lehnt die Bremer Ärztekammer bis heute jede Mitverantwortung für die damit einhergehenden Menschenrechts­verletzungen ab. Engagierte Ärzte und die örtliche Gruppe der IPPNW-Ärzte in sozialer Verantwortung haben über Jahre bisher vergeblich versucht, eine offizielle Aufarbeitung der Vorgänge zu erwirken.

Der Ablauf der Auseinandersetzung stellt sich wie folgt dar:

Ärztliche Beweissicherungsmaßnahmen können gegen den Willen des Betroffenen vorgenommen werden, allerdings müssen sie verhältnismäßig sein und dürfen nicht gegen Menschenrechte verstoßen. Die Delegiertenversammlung der ÄK Bremen hat sich im Frühjahr 1996 eindeutig gegen Zwangsvergabe von Brechmitteln ausgesprochen, und den Polizeiarzt Dr. Männche zur Änderung des Verfahrens aufgefordert. Er trat daraufhin zurück und im gleichen Jahr übernahm der Leiter der Rechtsmedizin Dr. Birkholz diese Aufgabe, für die er Ärzt*innen seines Institutes für Beweissicherung einsetzen wollte. Um Herrn Birkholz von berufsrechtlichen Konsequenzen frei zu stellen, gab die Präsidentin im Herbst 1996 ein Schreiben heraus. In diesem bestätigt sie die Ablehnung der Zwangsvergabe von Brechmitteln bestätigt, gleichzeitig versichert sie Ärzt*innen, die zum Beweissicherungsdienst dienstverpflichtet werden, keine Folgen von Seiten der Ärztekammer erwarten zu müssen. Auf der einen Seite können Bereitschaftsärzte im Notdienst oder an Kliniken mit Verweis auf die Kammer die Durchführung verweigern, auf der anderen Seite wurde Dr. Birkholz die Möglichkeit gegeben, seine Ärzte unbehelligt von der Ärztekammer die Brechmittelvergabe durchzuführen zu lassen. Er hat das Schreiben als Toleranz durch die Ärztekammer verstanden. Die Tatsache, dass er, der diese Aufgabe freiwillig übernahm, also keiner Dienstverpflichtung unterlag, dennoch nie berufsrechtliche Schwierigkeiten bekam, bestätigt seine Rechtsauffassung. Auch die Politik und die Bremer Presse sahen darin eine Tolerierung des Verfahrens durch die Ärztekammer.

Heute sagt die Ärztekammer, sie habe das Beweissicherungsverfahren mit Ipecacuanha nicht verbieten können. Sie habe nur Vorgaben formulieren können, die von den beteiligten Ärzt*innen einzuhalten waren. Sie verschweigt dabei, dass diese Vorgaben in ihrer Widersprüchlichkeit es waren, die die massenhafte Durchführung des Zwangserbrechens ermöglicht haben. In offiziellen Schreiben behauptet sie, wenn die offiziellen Stellen ihren Warnungen gefolgt wären, hätte es die Praxis des Zwangserbrechens nicht gegeben. Dass es sich hierbei um eine reine Schutzbehauptung handelt, wird spätestens mit einem Beschluss der Ethik-Kommission von 1998 deutlich, in dem das Zwangserbrechen als vereinbar mit der ärztlichen Ethik eingestuft und sogar als ‚gesellschaftliche Aufgabe‘ tituliert wird.

Nach dem Tod von John Achidi 2001 in Hamburg verweigert der Vorstand der Ärztekammer eine erneute Befassung mit der Thematik. Der Beschluss von Herbst 1996 sei weiterhin geltend.

Auch der deutsche Ärztetag fasst 2002 widersprüchliche Beschlüsse, die die Fortführung der Brechmittelvergabe begünstigen. Erst 2006 nach einem Urteil des Europäischen Menschengerichtshofs, das die zwangsweise Brechmittelvergabe als menschenverachtend und erniedrigend deklariert, kommt es zu einer Änderung der öffentlichen Positionen und deutschlandweit zu einem Ende der Praxis des Zwangserbrechens.