Offizielle Eröffnung des Gedenkorts am 26.09.2026

Rede von Bangaly Condé (Conakry/Guinea) zur Eröffnung

Französisches Original

Englische Übersetzung

Meine Damen und Herren, verehrte Gäste,
liebe Eltern, liebe Freunde,

wir sind heute in stiller Anteilnahme und großer Bewegung zusammengekommen, um diesen Gedenkort einzuweihen, der unserem verstorbenen Bruder Laye Alama Condé gewidmet ist.

Sein Tod bleibt eine tiefe Wunde für unsere Familie. Nach den Informationen und Zeugenaussagen, die uns vorliegen, soll Laye infolge von Folterhandlungen ums Leben gekommen sein, insbesondere durch die zwangsweise Verabreichung von Brechmitteln. Dieser tragische Tod hat einen tiefen Schmerz hinterlassen, den die Jahre nicht auslöschen konnten.

Doch heute wollen wir, über den Schmerz hinaus, vor allem an den Menschen erinnern, der Laye war: einen großzügigen, fürsorglichen und mutigen Bruder, der seiner Familie tief verbunden war.

Eine Erinnerung ist uns besonders fest im Gedächtnis geblieben.

Vor mehr als zwanzig Jahren schenkte Laye Alama Condé unserem Bruder Laye Namandjan Condé von Deutschland aus ein Fahrrad, damit er nicht mehr jeden Tag lange Strecken zu Fuß zurücklegen musste, um zur Universität zu gelangen.

An diesem Tag wurde die Freude von Laye Namandjan zur Freude einer ganzen Familie.

Eltern, Brüder und Schwestern – alle feierten diese Geste und dankten Laye Alama. Damals war er noch am Leben, lebte hier in Bremen.

Heute steht dieses Fahrrad für weit mehr als nur ein Geschenk. Es ist zum Symbol eines Bruders geworden, der selbst aus der Ferne an die Zukunft seiner Angehörigen dachte. Ein Bruder, der zu geben und zu teilen wusste und der das Glück eines einzelnen Menschen in das Glück einer ganzen Familie verwandeln konnte.

Dieses Bild von Laye möchten wir unseren Kindern und den kommenden Generationen weitergeben.

Bevor Laye nach Deutschland aufbrach, auf der Suche nach einer besseren Zukunft, hatte er uns alle zusammengerufen. Seine Worte hallen noch heute in unseren Herzen nach:

„Liebe Eltern, ich brauche euren Segen für das Abenteuer, das vor mir liegt. Und ihr anderen: Kümmert euch gut um unsere Eltern. Geht zur Schule, arbeitet hart und lasst euch niemals entmutigen. Eines Tages wird sich alles für unsere Familie zum Guten wenden.“

Diese Worte sind heute weit mehr als eine Erinnerung. Sie sind sein moralisches Vermächtnis.

Laye ist mit Träumen, Verantwortungsbewusstsein und der Hoffnung aufgebrochen, zu einer besseren Zukunft für seine Familie beizutragen. Sein Tod hat deshalb nicht nur eine unermessliche persönliche und emotionale Leere hinterlassen, sondern auch unterbrochene Hoffnungen und ein unerfülltes Versprechen an seine Familie.

Deshalb möchten wir die Stadt Bremen und die zuständigen Behörden respektvoll bitten, die Möglichkeit zu prüfen, drei Mitgliedern unserer Familie die Einreise nach Deutschland zu ermöglichen. Dies soll insbesondere dazu dienen, hier eine Berufsausbildung zu absolvieren, dazu beizutragen, Layes Andenken zu bewahren und – unter Beachtung des geltenden Rechts – Möglichkeiten der Anerkennung, der moralischen Wiedergutmachung und einer Unterstützung zu prüfen, die seiner Familie ein wenig Trost bringen könnten.

Diese Bitte entspringt weder Wut noch Rache.

Unser Anliegen ist ein Anliegen der Erinnerung. Ein Anliegen der Wahrheit. Ein Anliegen der Gerechtigkeit. Und vor allem ein Anliegen der Würde.

Lieber Laye Alama Condé, wir werden weder deine Worte noch deine Großzügigkeit noch die Hoffnungen vergessen, die du für deine Familie getragen hast.

Und wir werden auch jenes Fahrrad nicht vergessen, das vor mehr als zwanzig Jahren so viel Freude in unsere Familie brachte. Denn durch dieses Geschenk sprach schon damals dein Herz zu uns.

Heute wird dieser Gedenkort dazu beitragen, dass deine Erinnerung unter uns weiterlebt.

Möge dieser Ort Zeugnis von deinem Weg auf dieser Erde ablegen, deine Geschichte den kommenden Generationen in Erinnerung rufen und dein Andenken für immer bewahren.

Möge Gott dich in seiner Barmherzigkeit aufnehmen und dir die ewige Ruhe schenken.

Ruhe in Frieden, Laye Alama Condé. Wir werden dich niemals vergessen.

Ich bedanke mich herzlich bei Ihnen allen, die heute hier sind und mir zugehört haben

******************

Rede der Initiative in Gedenken an Laye-Alama Condé zur Eröffnung

Lieber Bangaly Condé,
liebe Usha Seejarim,
liebe Überlebende der Brechmittelfolter,
liebe Verbündete,
sehr geehrte Vertreter*innen der politischen Institutionen,

wir können heute diesen beeindruckenden Gedenkort „Death by Drowning – Tod durch Ertränken“ gemeinsam eröffnen.

Wir gedenken mit diesem Ort Laye Alama Condé als tödliches Opfer staatlicher Gewalt und der vielen Menschen, die von 1991 bis 2004 in nachgewiesenermaßen 1.267 Fällen – vermutlich waren es mehr – der Brechmittelfolter durch die Bremer Polizei unterzogen wurden.

13 lange Jahre wurde in unserer Stadt gezielt rassistisch verfolgt und faktisch gefoltert. Nach dem Tod von Laye Alama Condé im Januar 2005 wollten die politischen Akteure über viele weitere Jahre lang ihre Verantwortung vergessen machen. Gegen dieses Schweigen, gegen diese Vertuschungsversuche, gegen die Diffamierung von Laye Condé wird dieser Gedenkort als starkes Zeichen stehen – als unwiderruflicher Teil der Bremer Stadtgeschichte, als unumkehrbares Symbol der Aufklärung und der Forderung nach Gerechtigkeit.

Wir freuen uns daher sehr, dass wir heute alle gemeinsam und mit der Nachfolgegeneration der politisch Verantwortlichen diesen Gedenkort eröffnen. Wir wissen heute mehr denn je, dass es nicht selbstverständlich ist, dass Sie sich als Institutionen Ihrer Verantwortung gestellt haben und so der Gedenkort tatsächlich umgesetzt werden konnte.

Denn wir wissen auch: Laye Alama Condé könnte heute noch leben, wenn Ihre Vorgänger*innen sich nicht allen menschenrechtlichen Einsichten verweigert hätten, wenn sie sich nicht, wie der ehemalige Bürgermeister viele Jahre später bekannte, wenn sie sich nicht – ich zitiere ihn – „in einem System von Handlungsanweisungen verstrickt“ hätten.

Denn es waren nicht einzelne Polizist*innen, die das „Maß verloren haben“, wie der Weser-Kurier neulich zitierte – es war der gesamte Bremer Polizeiapparat, der hinter der Brechmittelfolter stand und sie ausführte.
Es waren nicht einzelne Richter und Staatsanwälte, die die durch Folter erbrachten Beweismittel über ein Jahrzehnt in Gerichtsverfahren akzeptierten – es war der gesamte Justizapparat und die zuständigen Senatoren, die dies taten.
Es waren nicht einzelne Bürgerschaftsabgeordnete, die für die Einführung der Brechmittelfolter und nach der Tötung von Achidi John 2001 in Hamburg für deren Fortsetzung votierten – es war die übergroße Mehrheit dieses Landesparlaments und alle seine Senator*innen.
Und, nicht zu vergessen: Es war die Bremer Ärztekammer, die sich 13 Jahre lang wegduckte.

Das meinen wir, wenn wir vom „System Brechmittelfolter“ sprechen.

Wenn wir aus 13 Jahren Brechmittelvergabe eines lernen können, dann dies:
Um gegen ein Unrechtssystem anzukämpfen, braucht es immer Menschen, die den Mut haben, aus diesem System auszubrechen, es braucht immer konkrete Menschen, die nicht den herrschenden Diskurs mittragen, obwohl er so mächtig ist und so schlüssig erscheint,
es braucht diejenigen, die sagen: „Hier werden Menschenrechte und Menschenwürde verletzt – das IST Unrecht!“
Und zwar, obwohl es in Gesetzesform oder Verwaltungsanweisungen gegossen wurde.

Das haben zuallererst und von Anfang an die Betroffenen selbst getan, die in den 1990er Jahren von den Folterungen im Polizeigewahrsam berichtet und diese angeklagt haben, das haben über viele Jahre hinweg die Aktivist*innen des Anti-Rassismus Büros öffentlich getan, die dafür mit staatlichen Repressionen überzogen wurden, das hat der damalige Bürgerschaftsabgeordnete Matthias Güldner getan, der mit seiner Fraktion nach dem Tod von Achidi John die Einstellung der Brechmittelvergabe forderte – und das hat an absolut zentraler Stelle der Kölner Abubacar Jalloh getan, der sich als Betroffener 13 Jahre lang durch alle Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geklagt und 2006 damit die Folter beendet hat. Wir kennen Abubacar Jalloh nicht persönlich, doch wir alle sind ihm zu großem Dank verpflichtet.

Es braucht also immer Menschen, die den für Unrecht Verantwortlichen und ihren ausführenden Verwaltungsapparaten, die gemeinsam behaupten, alles habe schon seine Richtigkeit, ein klares „NEIN, das hat es nicht!“ entgegenstellen.

Diese Erkenntnis können wir aus der Geschichte der Brechmittelfolter in die Gegenwart verlängern und als Aufforderung an uns alle mit in die Zukunft nehmen.

Und noch ein Blick in die Zukunft: In einer Zeit, in der Politik nach rechts eskaliert, werden wir diesen Gedenkort und das, wofür er steht, – wie vieles andere auch – verteidigen müssen. Gegen die diffamierenden und nach Zerstörung strebenden Angriffe von rechts – auch, wenn sie aus der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ kommen.

Für die Zukunft bleiben auch weitere Aufgaben offen:
Die vielen hundert Betroffenen und Überlebenden der Brechmittelfolter müssen staatlicherseits angemessen anerkannt, sie müssen für ihr Leid konkret entschädigt werden.

Die Brechmittelfolter ist Geschichte. Anti-Schwarzer Rassismus und Racist Profiling, die diese Foltermethode erst ermöglicht haben, sind es nicht.

Menschen auszuschließen, zu entwürdigen, sie zu entmenschlichen, ist keine Geschichte, sondern bittere Gegenwart. Ein solch rassistischer Ausschluss aus dem Mensch-Sein liefert die so Ausgeschlossenen – wir müssen das hier so deutlich sagen – im Endeffekt dem Tod aus.

Gewaltexzesse – auch die staatlichen – finden nach diesem Prinzip der Markierung, des Ausschlusses und der Entmenschlichung statt: Von der Brechmittelfolter über rassistische Diskriminierung bis hin zur militärischen Aufrüstung an den europäischen Außengrenzen mit ihren Zehntausenden von Toten.

Das kann nicht die Welt sein, die wir wollen.

Insofern darf unser Gedenken, darf das Mahnen niemals aufhören, dürfen wir niemals Ruhe geben. „Erinnern heißt verändern, Erinnern heißt kämpfen!“ ist eine Aufforderung an uns alle für die Zukunft.

Danke an euch alle, die ihr mit uns gekämpft habt.

Danke an alle, die weiter für Erinnerung, Aufklärung, Gerechtigkeit kämpfen – und für ein würdevolles, sicheres Leben für alle.

Rede der Initiative in Gedenken an Laye-Alama Condé am 26. Sept. 2026:

Englische Übersetzung

Offizielle Eröffnung des erkämpften Gedenkorts 26. September 2026

aber davor noch:

Erinnern heißt kämpfen! Erinnern heißt verändern!

Perspektiven auf das Gedenken an Laye Condé und 13 Jahre Brechmittelfolter in Bremen.

Donnerstag, 24. September 2026, 19:00 Uhr (Einlass 18.30 Uhr)
kukoon, Buntentorsteinweg 29-31

21 Jahre nachdem Laye Condé im Bremer Polizeigewahrsam getötet wurde wird am 26. September zwischen Kunsthalle und Gerhard-Marcks-Haus ein dauerhafter Gedenkort offiziell eingeweiht, wofür die Initiative in Gedenken an Laye Condé gemeinsam mit vielen Bremer Bürger*innen seit Jahren gekämpft hat. Das ist angesichts der globalen Rechtsverschiebung und der Zunahme menschenrechtsfeindlicher Angriffe und rassistischer Diskurse durchaus bemerkenswert.
Nach einem Beschluss der Bürgerschaft wurde 2021 von der Kulturbehörde ein künstlerischer Wettbewerb organisiert. Die divers zusammengesetzte Auswahljury entschied sich Ende 2023 für den Entwurf „Death by drowning“ („Tod durch Ertränken“) der südafrikanischen Künstlerin Usha Seejarim (www.ushaseejarim.com).

Bei der offiziellen Eröffnung wird die Künstlerin anwesend sein und auch Bangaly Condé, einer der Brüder von Laye Condé, wird als Vertreter der Familie eigens aus Guinea anreisen. Bei der Veranstaltung am 24. September im kukoon möchten wir mit den beiden über Perspektiven auf den Gedenkort ins Gespräch kommen: als Gedenken an den eigenen Bruder, als Erinnerungspolitik vor einem transnationalen und künstlerisch-aktivistischen Background sowie als Gedenken an 13 Jahre Brechmittelfolter mit hunderten von Betroffenen, was zugleich Teil Bremer Stadtgeschichte als auch Mahnung für die Zukunft ist.

Die Veranstaltung findet auf Englisch statt, eine Übersetzung ins Deutsche ist möglich.

Donnerstag, 24. September 2026, 19:00 Uhr (Einlass 18.30 Uhr)
kukoon, Buntentorsteinweg 29-31

in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Initiative (RLI) Bremen

Pressemitteilung der Initiative in Gedenken an Laye-Alama Condé vom 21.09.2026

Offizielle Eröffnung des Gedenkortes für Laye Condé und 13 Jahre Brechmittelfolter

Samstag 26.09.2026 | 16:00 Uhr | Am Wall 208 | Bremen

Erinnern heißt kämpfen! Erinnern heißt verändern!

Perspektiven auf das Gedenken an Laye Condé und 13 Jahre Brechmittelfolter in Bremen

Der Gedenkort der Künstlerin Usha Seejarim trägt den Titel „Death by Drowning“ (Tod durch Ertränken). Er besteht aus den Buchstaben des englischen Wortes ‚FORCE‘ (Gewalt, Zwang). Das Kunstwerk übersetzt die Situation der Brechmittelvergabe begrifflich und bildlich: Im Polizeigewahrsam wurde gegen die Betroffenen lebensgefährliche Gewalt ausgeübt, sie wurden gezwungen, gegen ihren Willen und teilweise über Stunden Brechmittel zu schlucken bzw. wurde ihnen dieses gewaltsam per Magensonde zugeführt.

In Bremen geschah diese Gewaltanwendung über 13 Jahre hinweg in über 1.200 Fällen. Im Verlauf einer solchen, seit 2006 höchstrichterlich als Folter klassifizierten Prozedur wurde Laye Conde getötet. Er starb am 7. Januar 2005. Das Land Bremen bekennt sich auf politisch-struktureller Ebene mit dem Gedenkort endlich öffentlich zu seiner Verantwortung. Gerade mit Blick darauf, dass die Brechmittelfolter und der Tod von Laye Condé von Bürgerschaft und Senat lange Jahre verdrängt und beschwiegen wurde, ist dies ein Erfolg, den 21 Jahre lang Aktivist*innen über viele Widerstände hinweg dem Land Bremen abgerungen haben. „Überall drängen rechte, autoritäre Kräfte an die Macht oder sind es schon. Es ist daher wichtiger denn je, illegitime staatliche Gewalt öffentlich zu benennen und – besser noch – zu verhindern“, sagt Gundula Oerter für die Initiative.

Ohne konkrete Verantwortungsübernahme bleibt bisher das Handeln der Bremer Politik für die Gesamtheit der Betroffenen. Das Land Bremen hat bis heute keine Anstrengungen unternommen, Kontakt zu den von ihrer rassistischen Politik Betroffenen aufzunehmen. „Das Bitten um Entschuldigung bleibt unglaubwürdig, wenn die Betroffenen es gar nicht hören können“, so Gundula Oerter weiter. „Das Land Bremen muss jede Person, die damals zur Einnahme von Brechmitteln gezwungen wurde, adressieren und entschädigen“.

Bei der Eröffnung am 26.09. wird auch Bangaly Condé zugegen sein, der von der Initiative eingeladen wurde. Er kommt dafür eigens aus Conakry/Guinea in die Stadt, in der sein Bruder Laye vor über 20 Jahren getötet wurde. „Es ist für uns ein selbstverständlicher Ausdruck von Respekt und Wertschätzung, dass Herr Condé bei der Eröffnung des Gedenkortes mit uns ist und wir ihm zuhören können“, so Gundula Oerter.

Sprechen werden bei der Eröffnung neben Bangaly Condé, der Künstler*in Usha Seejarim und der Initiative auch Vertreter*innen des Landes Bremen.

X Entschädigung für alle Betroffenen von Brechmittelfolter